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Schweinfurter
IG-Metall nickt Tarifflucht ab
Beim
Schweinfurter Automobilzulieferer ZF-Sachs soll unter
Umständen noch im Frühjahr auf tariflich abgemachte
Lohnzuwächse verzichtet werden. Um die „Wettbewerbsfähigkeit“
des Unternehmens am unterfränkischen Standort zu
sichern, fordern die Unternehmensmanager seit dem Ende
des vergangenen Jahres einen „Beitrag der Beschäftigten“
von etwa 20 Millionen Euro, um dieses Ziel zu erreichen.
ZF-Sachs wandelt derzeit weder auf dem Zahnfleisch, noch
ist die Lage auf dem Kupplungs- und Stossdämpfermarkt
besonders heikel. Die gesamte Branche feiert hinter
hervorgehaltener Pranke ordentliche Zuwachsraten, öffentliche
Taktik freilich ist es Katzenjammer zu verbreiten.
Endzweck
des Vorstoßes der ZF-Manager dürfte sein, auszuloten,
wie es um die vorherrschende Kampfbereitschaft der
Schweinfurter Gewerkschaften bestellt ist. Bisher war es
gebräuchliche Praxis in der unterfränkischen
Industriestadt, Unternehmerangriffe gegen
gewerkschaftliche Errungenschaften mit gemeinsamer
Solidarität bei FAG Kugelfischer, SKF und ZF-Sachs zu
beantworten. Kapitalmacht konnte in Schweinfurt bislang
mit einer disziplinierten Gegenmacht aus der
gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft rechnen
und verhielt sich deswegen entsprechend.
Noch
bei der jüngsten regelmäßigen Pressekonferenz des DGB
in der Region Main Rhön erklärten der erste Bevollmächtigte
der IG Metall, Klaus Ernst, und seine Kollegen der
DGB-Schwestergewerkschaften von ver.di und der IG-Bau
ehrsinnig, man werde jeden Angriff auf tarifliche
Wertzuwächse mit entschiedenem Protest abwehren. Klaus
Ernst kann zumindest auf dem Papier eine erstaunliche
Mitgliederstatistik vorzeigen. Seine Zahlen laufen gegen
den Trend, sie könnten die traditionelle
Gewerkschaftsmacht am Standort quasi untermauern.
Trotzdem
findet erkennbarer Widerspruch in Schweinfurt
dummerweise nur noch durch Rhetorik hauptamtlicher
Gewerkschafter statt. Bei den „Betriebsratsfürsten“
von ZF-Sachs beispielsweise scheinen erfolgreiche
Schlachtenlenkungen aus der Vergangenheit in
Vergessenheit zu geraten. Als Willy Dekant,
Betriebsratsvorsitzender bei ZF-Sachs vor kurzem gut
einhundert Vertrauensleute der IG-Metall aus
„seinem“ Unternehmen versammelte, konnte er
unwidersprochen über die Erfordernis von
„Kostensenkungsvorhaben und dem Pflichtteil der Beschäftigten
hierzu“ rezitieren, so als habe er nie ein
gewerkschaftliches Betriebsratsseminar besucht und
stattdessen Managementlehrgänge beim VBM, dem Verband
der bayerischen Metallarbeitgeber absolviert:
Lohnverzicht
wahre den ZF-Standort in Schweinfurt, nur dank
Kompromissbereitschaft seien sichere Arbeitsplätze zu
halten und eine öffentliche Debatte würde dem
Unternehmen und damit den Arbeitern schaden. Ihm seien
Schweinfurter Arbeitsplätze wichtiger als jene in
Italien oder in Spanien. Internationale Solidarität ist
ihm Fremdwörterei. Der Vorsitzende des Betriebsrates
und seine Mitstreiter haben übersehen, dass die Umsätze
in der Metallwirtschaft in den ersten elf Monaten des
Jahres 2004 um 7,6 Prozent gestiegen sind und die
Produktion ein Plus von 5,8 Prozent erreicht. Fast in
gleicher Höhe, nämlich um 5,1 Prozent ist die
Produktivität gestiegen. Für das Jahr 2005
prognostiziert die IG Metall eine Produktivitätssteigerung
von drei bis fünf Prozent. Diese Zahlen machen fühlbar,
dass die ausgemachte Tarifsteigerung im Volumen von 2,7
Prozent für die Metallwirtschaft ohne Probleme
finanzierbar ist.
Dekant
sabotiert nicht nur unter den gewerkschaftlichen
Vertrauensleuten planmäßig eine freie Debatte zu
Fragen wie veränderten Arbeitszeiten, Lohnverzicht und
weiteren Produktivitätszuwächsen mittels Beiträgen
aus der Belegschaft. Er hemmte auch unter den rund 7.300
Beschäftigten eine autonome Aussprache zu diesen
Problemen. Stattdessen wurde in den Vorzimmern der
Chefetage mit der Unternehmensleitung im Komanagement
ein Fahrplan zur „Standortsicherung“ bei ZF-Sachs
entworfen, Ziel der Reise ist der Lohnverzicht: Die
tariflich abgemachte Lohnerhöhung im Volumen von 2,7%
in diesem Jahr soll abgesagt werden. Um die
Vertrauensleute in dieser Sache auf Linie zu bringen
wurden Kritiker im Vorfeld ausgeschaltet. Eine
Probeabstimmung der IG-Metall Fraktion im Betriebsrat
ergab immerhin noch zwei Stimmen gegen die Konzepte.
Nach einigen „Aussprachen“ verabschiedete man die Pläne
im Betriebsrat einmütig.
Lediglich
der erste Bevollmächtigte der IG-Metall, Klaus Ernst,
deutete vor den versammelten Metallerinnen und Metallern
im Verlauf der erwähnten Veranstaltung vorsichtig
Einspruch an, auf einen offenen Konflikt mit den
„Betriebsratsfürsten“ ließ er sich dann trotzdem
nicht ein. Wenn alle Verträge unter Dach und Fach sind,
werden gewiss Sprachregelungen gefunden, die das
Billigen der Tarifflucht als großen Triumph für den
Standort und für sichere Arbeitsplätze rechtfertigen.
Klaus
Ernst darf sich den Vorwurf gefallen lassen, nur
eingeschränkt auf die Umsetzung des Tarifvertrages
bestanden, und den Auszug der ZF-Sachs Metaller aus dem
regionalen Zusammenhalt nicht emanzipiert bekämpft zu
haben. Willy Dekant und Klaus Ernst schleppen die
Hauptlast, wenn die Großindustrie in der Region Main Rhön
die Nase hoch trägt und demnächst mit weiteren
Dreistigkeiten in die Offensive geht. Beide werden im
Tarifkampf 2006 bei den Arbeiterinnen und Arbeitern in
der Produktion kaum Beifall ernten, wenn der Ruf nach
Solidarität und Kampf laut wird. Warum auch, einmal
verarscht reicht ja auch!
Quelle:
noch@gewerkschaft, indymedia
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