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Nazis wollen "viertes Reich"

 

An der Oberfläche strahlt Würzburg bürgerlich-katholisches Lebensgefühl aus. Die rund 20.000 Studierenden verleihen der unterfränkischen Bezirkshauptstadt fast ein alternatives Flair. Doch unter der scheinbaren Idylle breiten sich neofaschistische Strukturen recht ungehemmt aus. Als Kopf der Neonazis gilt der bundesweit bekannte NPD-Bezirksvorsitzende Uwe Meenen. Mit dem früheren RAF-Terroristen und NPD-Anwalt Horst Mahler sowie Dr. Reinhold Oberlercher (beide ehemals linksradikal) betreibt Meenen in Würzburg die neofaschistische Denkfabrik "Deutsches Kolleg". Per Schulungen und Internet verbreitet das Kolleg antisemitische Verschwörungstheorien. In einer Verfassung und einem Hundert-Tage-Programm für ein "Viertes Reich" fordern die Neonazis unter anderem das Verbot der jüdischen Gemeinden, die Ausweisung aller Ausländer, die Errichtung eines Führerstaats sowie eine Wiederherstellung des Deutschen Reichs in Grenzen von vor 1945.

 

Im Februar 2006 eröffnete NPD-Chef Meenen im traditionellen Arbeiterstadtteil Zellerau das Buchantiquariat Pfeiferhans, seitdem verfügen die Neonazis über eigene Schulungsräume. Offen rechtsextreme Inhalte hält Meenen dabei eher im Hintergrund, wirbt lieber mit massenwirksamen Themen wie fränkischem Regionalismus, der sozialen Frage, Antiamerikanismus und Globalisierungskritik. Gemäß der Drei-Säulen-Strategie der NPD bemüht Meenen sich neben den Köpfen auch um Straße und Parlament. Dank vielfältiger demokratischer Gegenaktivitäten konnten die Neonazis bisher keinen Durchbruch erzielen. Vergangenes Jahr demonstrierten 8.000 Würzburger, von den vier großen monotheistischen Religionsgemeinschaften bis zur Antifa, gegen den jährlichen Nazi-Aufmarsch zur Zerstörung Würzburgs am 16. März 1945. 2006 verzichteten die Neonazis dann auf ihren Umzug.

 

Doch außerhalb der Stadt – in den Landkreisen Würzburg, Kitzingen, Main-Spessart und Schweinfurt – gewinnt die NPD mit "nationalen Stammtischen" und Kameradschaften junge, perspektivlose Anhänger. Neonaziläden sprießen aus dem Boden (so in Aschaffenburg und Bad Mergentheim), Andersdenkende und -aussehende werden schikaniert (etwa in Lohr und Amorbach) und die NPD war 2005 erstmals flächendeckend wahlkampffähig. Bei der Bundestagswahl verdreifachte sich das braune Ergebnis in Unterfranken, die Partei erhielt über ein Prozent. Bei der Würzburger Stadtratswahl 2008 würden NPD-Chef Meenen bereits 2 Prozent für ein Mandat reichen. Zum Vergleich: Die Republikaner erzielten mit ausländerfeindlichen Parolen mehrfach um die 5 Prozent.

 

Wie andernorts möchten Polizei und Medien der NPD kein Forum bieten, geraten dadurch aber ungewollt in die Gefahr, die Bedrohung durch die NPD herunterzuspielen. Laut der Würzburger Kriminalstatistik für 2005 ist die Zahl der erfassten Staatsschutz-Delikte klar rückläufig. Vernachlässigt werden dabei jedoch die sich häufenden Rechtsrockkonzerte sowie die Entwicklung auf den Dörfern. Dort trauen sich Nazi-Gegner oft gar nicht mehr, Anzeige zu erstatten. Presseberichte über antifaschistische Aktivitäten zum 16. März 2006 fielen ablehnend aus. Weil keine NPD-Demo stattfand, erklärte man die Warnungen vor der Ausbreitung des Rechtsextremismus fälschlicherweise zum Popanz.

 

Eine wesentliche Ursache für den NPD-Aufstieg sind Arbeitsplatz- und Sozialabbau im Gefolge von neoliberaler Politik und Globalisierung. Katholische Arbeitnehmerbewegung, Gewerkschaften, Erwerbsloseninitiative und Friedensbündnis sehen einen deutlichen Zusammenhang von sozialer Frage und rechtsradikalem Aufschwung und versuchen nach Kräften gegenzusteuern. Doch bislang stoßen sie bei den politischen Parteien bedauerlicherweise weitgehend auf verschlossene Ohren. Die Neonazis profitieren in Würzburg leider von einer neoliberal dominierten CSU um Oberbürgermeisterin Pia Beckmann. Zusammen mit der profillosen SPD-Ratsfraktion betreibt sie eine fragwürdige Standortpolitik. Während die Stadt Großinvestoren den roten Teppich ausrollt, werden mit einer autoritären "Sicherheitsverordnung" Bettler, Punks und Jugendliche schikaniert. Gemeinnützigen Sportvereinen, kulturellen und politischen Initiativen wurden die Zuschüsse teilweise drastisch gekürzt: dem Bezirksjugendring um ein Viertel, dem Autonomen Kulturzentrum sogar komplett.

 

Arbeitsplatz- und Sozialabbau, Schwächung der Jugendarbeit, Repression und bürgerlicher Gleichmut haben eine gute Basis für die Ausbreitung der Neonazis geschaffen. Es ist höchste Zeit, dass alle vernünftigen Kräfte sich sammeln und demokratische, soziale Alternativen zu den rechtsradikalen Rattenfängern entwickeln. Insbesondere orientierungs- und perspektivlose Jugendliche müssen vor dem Abdriften in das braune Lager geschützt werden.

 

Zielpublikum der Neonazis sind sozial schwache Personen, darunter auch jugendliche Aussiedler. Bis Anfang der 1990er Jahre konnten aus Russland stammende "Volksdeutsche" gut in den halbwegs intakten Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Doch angesichts der heutigen Massenarbeitslosigkeit fällt es Jugendlichen nicht leicht, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu erhalten. Wenn dann noch Sprachprobleme hinzukommen wie bei vielen jungen Aussiedlern, ist die wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration um so schwieriger. Rechtsextreme liefern entwurzelten Menschen einfache Antworten: Wenn nur alle Juden und Ausländer verschwunden seien, erklärt das neofaschistische "Deutsche Kolleg", würden alle "Volksdeutschen" sofort einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz erhalten. Statt eine soziale Politik für alle Menschen in Deutschland einzufordern, schaffen die Neonazis Sündenböcke. Manche jungen Leute fallen leider auf diese rechtsradikale Agitation herein und wollen gegen die vermeintlich Schuldigen wie Juden und Ausländer vorgehen. Um so wichtiger ist demokratische Aufklärung, die Verbreitung der Menschenrechte und eine Wirtschaftspolitik, die allen Menschen in Deutschland eine soziale Perspektive gibt.

 

Quelle: Michael Kraus

 

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