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Nazisamstag in Gräfenberg

 

Gräfenberg am 16. Dezember 2006. Seit etwa 10 Uhr läuft die Pressekonferenz eines bürgerlichen Bündnisses gegen Rechts im Rathaus der oberfränkischen Stadt. Der Bürgermeister und Bündnisvertreter informieren die Medien über ihre Pläne für den Tag. Oberfränkische Nazis meldeten bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr einen Aufmarsch in der Kleinstadt an, um ihre menschenverachtende Gesinnung zur Schau zu tragen. Gräfenberg ist zum festen Bestandteil im braunen Aufzugskalender geworden.

 

Während Bürgermeister und Bündnisgruppen die Presse über Luftballonaktionen und organisierten Glühweinstand informieren, fährt am Nürnberger Nordostbahnhof die Gräfenbergbahn ab. Drei Abteile sind es, die den Zug, der sonst Schüler und Pendler aus der fränkischen Schweiz Richtung Nürnberg befördert, bilden. Ein Abteil ist von Nazis besetzt. Im mittleren Abteil reist die Polizei und das dritte Abteil dient vorwiegend jungen Antifaschisten, um Gräfenberg zu erreichen. Einige Gegner der Nazis werden Gräfenberg an diesem kalten, aber sonnigen Samstagmorgen nicht erreichen. Sie hält man in Nürnberg fest. Jemand ist einem Polizisten selbstbewusst über den Mund gefahren, ein anderer wird in Gräfenberg nicht dabei sein, weil er seinen Schal zu tief ins Gesicht gezogen hat. Ein jugendlicher Antifaschist trägt eine Sonnenbrille. Er nimmt sie nicht ab, als ein Polizist dies von ihm verlangt. Auch er wird nicht im Zug dabei sein.

Im Rathaus schenkt sich ein Journalist des bayerischen Rundfunks gerade eine frisch gebrühte Tasse Kaffee ein. Am Abend wird er im Rundschau Magazin von der Pressekonferenz berichten. Vom Geschehen auf der Straße, wird der Reporter nichts erzählen. Der Bürgermeister gibt die Marschroute vor: "Wir werden den Nazis diesmal nicht hinterherlaufen, damit werten wir sie nur auf. Wir sind Demokraten und mit Eselsgeschrei wollen wir die Braunen empfangen, aber wir werden uns ihnen nicht in den Weg stellen. Sie werden auf ihrer angemeldeten Route laufen können. So gehen wir mit den Nazis angemessen um. Wir werden Geld für ein Naziausstiegsprogramm sammeln und der Erlös aus dem Verkauf von Bratwürsten und Glühwein spenden wir für einen sozialen Zweck. Auf der angemeldeten Demonstrationsroute haben wir Banderolen zwischen die Häuserzeilen gespannt. Dort können die Nazis lesen, dass Gräfenberg gegen sie ist und dass unsere Stadt bunt statt braun ist."

Es ist zwölf Uhr. Die Polizei hat Kontrollposten an den Straßen errichtet, die in die Stadt führen. Der Metzger am Bratwurststand legt die ersten groben Bratwürste auf die glühende Holzkohle. Am Glühweinstand bildet sich eine kleine Schlange. Auf dem Marktplatz arbeiten zwei Veranstaltungstechniker an einer Bühne, auf der der Bürgermeister später reden soll. Es stehen kleine Gruppen beieinander. Man unterhält sich über Nazis und ärgert sich darüber, dass der Bürger wegen den Nazis diesen Polizeieinsatz bezahlen muss, wo doch "eh kein Geld da ist." Eine Polizeigruppe kontrolliert einen Mann. Anfang Vierzig wird er sein, schwarz Kleidung trägt er und will auf den Marktplatz. Die Polizei verlangt seinen Ausweis und durchsucht ihn. Im rechten Stiefel des Mannes befindet sich ein Knallkörper. Die Beamten packen den Mann und zerren ihn in ein Polizeifahrzeug. Nebenan verteilt eine Frau ein Flugblatt des VVN. Es stehen jetzt rund 300 Bürger auf dem Marktplatz. Es sind Antifa Fahnen zu sehen.

Am Gräfenberger Bahnhof hält der Zug aus Nürnberg. Achtzig Nazis sitzen im Zug. Rund fünfzig Antifaschisten steigen aus und lassen Personenkontrollen über sich ergehen. Mindestens drei Nazigegner werden festgehalten. Zwei behandelt die Polizei im Laufe des Tages in Bamberg erkennungsdienstlich. Über einen Fußweg erreichen die mit der Bahn angereisten Antifaschisten den Marktplatz. Einige von Ihnen ziehen es vor, andere Treffpunkte in der Stadt aufzusuchen. Gerade redet der Bürgermeister. Er wird von bürgerlichem Beifall übertönt als die jungen Nazigegner den Marktplatz betreten. Die Gruppe wird von USK Einheiten der bayerischen Polizei begleitet. Auf der Kundgebung des Gräfenberger Bündnisses spricht jetzt ein lokal bekannter Schauspieler. Er redet von der Notwendigkeit des kreativen Widerstandes gegen Rechts. Er fordert die Leute dazu auf, die Rechten mit Eselsgeschrei zu empfangen. Er bittet die Kundgebungsteilnehmer eindringlich die Nazis nicht zu blockieren. "Dies wird die Nazis nur bestätigen", meint er. Viele Leute kann er nicht davon überzeugen. Später wird sich kaum einer an seinen Aufruf halten.

Am Bahnhof formiert sich die eingekesselte Nazibande. Gegen 13.15 Uhr erreichen die Nazis die Innenstadt. Die Gruppe wird von Pfiffen und Nazis raus rufen am Marktplatz unter Polizeischutz vorbeigeleitet. Einige Bürger bewerfen die Gruppe aus einem Haus heraus mit bunten Papierfetzen und farbigen Luftballons. Nachdem die Nazigruppe den Marktplatz passiert hat, löst sich die bürgerliche Veranstaltung weitgehend auf. Die Teilnehmer gehen den Nazis hinterher. Am Gräfenberger Stadttor bleiben die Nazigegner stehen. Schnell spricht sich herum, dass hier der strategisch beste Ort ist, um die Nazis auf ihrem Rückweg zu blockieren. Antifaschisten überzeugen Bürger aus Gräfenberg davon, dass es besser ist, hier eine Blockade durchzuführen, als tatenlos darauf zu warten, bis die Nazis planmäßig den Ort wieder verlassen.

Der Bürgermeister versucht sichtbar irritiert die Blockade zu verhindern. Unter Mithilfe von Polizei will er die Menschen zur Einsicht bewegen. Immer wieder sagt er, dass das Demonstrationsrecht auch für Nazis gilt. Davon wollen die Nazigegner und Bürger zu diesem Zeitpunkt nichts hören. Es kommt zu Rangeleien zwischen USK Truppen und Gräfenberger Einwohnern. Die Einsatzleitung und Staatsschützer mischen sich unter die Leute im Stadttor. Immer mehr junge Antifaschisten unterstützen jetzt die Sperre des Tors. Mittlerweile sind es etwa 150 Menschen, die verhindern, dass die Nazis auf ihrer erlaubten Demonstrationsroute den Ort verlassen werden. Inzwischen steht für Polizei und Bürgermeister fest, dass die anfänglichen Pläne der Behörden nicht haltbar sind. Es wird beschlossen, den Nazis den Weg nicht frei zu räumen.

Die Nazis befinden sich an ihrem Kundgebungsort, eingekesselt von Bereitschaftspolizei und USK Einheiten. Aufgebracht brüllen sie Naziparolen. Es hat sich herumgesprochen, dass die genehmigte Demonstrationsroute nicht mehr begehbar ist. Die verantwortlichen Nazis werden von den Beamten der Polizei aufgefordert, ihre Kundgebung zu beenden und die Stadt über einen Fußweg in Richtung Bahnhof zu verlassen. Dort steht ein Sonderzug bereit, der die Nazis abtransportiert. Die Szene wird von Antifaschisten beobachtet. Später werden Nazigegner eine umfassende Bilddokumentation im Internet veröffentlichen aus der hervorgeht, welche bayerischen Nazikader am Naziaufzug in Gräfenberg teilgenommen haben.

 

 

Quelle: indymedia

 

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