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Gremsdorf erinnert an die Opfer der Nazis

 

Am 1. Juli 2007 fand in Gremsdorf in der Einrichtung der "Barmherzigen Brüder" eine eindrucksvolle Gedenkfeier für die Gremsdorfer Euthanasieopfer statt. Sowohl der kirchliche als auch der weltliche Teil der Veranstaltung beeindruckten durch die Offenheit, mit der Täter und Opfer benannt wurden: "Aus Gremsdorf wurden im Jahr 1941 vom 18. bis 26. Februar nach Erlangen und Kutzenberg, am 12. Juni nach Lohr am Main, am 30. Juni nach Erlangen und am 1. Juli - auf den Tag genau vor 66 Jahren - nachweisbar 320 Bewohner deportiert, um Tags darauf weiter in Kliniken oder Vernichtungslager gebracht und ermordet oder oft monatelang bis zu ihrem Tod Gegenstand medizinischer Versuche zu werden. Die tatsächliche Anzahl ermordeter Bewohner dürfte sogar noch um einiges höher liegen",  sagte Bürgermeister Kleetz bei der Gedenkfeier. In Gremsdorf, einem Vorort von Höchstadt/Aisch finden seit längerem landesweite Veranstaltungen und Konzerte neofaschistischer Organisationen statt. Dadurch erhält die Gedenkfeier und das öffentliche Auftreten des Bürgermeisters und der "Barmherzigen Brüder" zusätzliche Brisanz und Aktualität.

 

Nachrichten aus Hassfurt dokumentiert an dieser Stelle die Rede von Bürgermeister Kleetz bei der Gedenkfeier:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn wir uns unserer neueren Geschichte des 20. Jahrhunderts zuwenden, können wir aus ihr lernen, wohin Vorurteile und Verblendung, Rassenwahn und Hass führen können. Es ist schwer, sich dem zu stellen, denn das was an Grauenvollem passiert ist, macht immer noch sprach- und hilflos. Doch wir können aus der Geschichte auch lernen, auf welchem Boden Vorurteile und Missachtung von Menschen mit Behinderung erwachsen, und daraus dann Konsequenzen ziehen. Wir müssen Brücken bauen, zwischen denen, die wie wir meinen den normalen Durchschnitt unserer Bevölkerung darzustellen und denen, die wir so oft als Minderheiten betrachten.

Brücken lassen sich aber nur bauen, wenn wir bereit sind, das uns zunächst Unverständliche zu verstehen. Oft sind es Ängste und Unkenntnis, die zu Vorurteilen oder Rassismus führen. Das gilt für jede Art von interkulturellem Dialog, für jede Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Religion oder Herkunft. Je weniger wir wissen, desto fremder erscheint uns der andere; je weniger wir wissen, desto eher fallen wir auf Pauschalurteile oder –Verurteilungen herein. Diese Vorurteile können nur abgebaut werden, wenn Menschen sich kennen lernen und etwas übereinander erfahren; wenn sie bereit sind, sich über ihre jeweiligen Traditionen oder Kulturen, über ihre Sicht der Dinge oder ihre Erfahrungen auszutauschen. Um zu erfahren, wie Menschen mit Behinderung denken und glauben, muss man mit ihnen ins Gespräch kommen und offen für ihre Sichtweisen sein.

Man braucht Neugier auf das Fremde; aber auch die Bereitschaft, Unterschiede als Unterschiede zu akzeptieren. Diese Offenheit wird natürlich von allen Menschen erwartet, die hier leben. Denn Abschottung oder Desinteresse führt eben genau zu dem, was vor 66 Jahren auch in Gremsdorf geschehen ist. Die Euthanasie im Dritten Reich hatte ihre Ursache in dem Unverständnis für die Gleichheit allen Lebens. Damals wurde Leben vernichtet, das als nicht lebenswert erschien. Aus heutiger Sicht ist das für uns unvorstellbar und unerklärlich.

Die Menschlichkeit und die Brüderlichkeit mit behinderten Menschen ist damals verraten worden. Brüderlichkeit – oder Solidarität, wie wir heute meist sagen -, sie ist nicht teilbar. Die Errungenschaften unserer Demokratie – Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Achtung vor der Menschenwürde-, sie gelten für alle. Sie haben sich in einem langen, verschiedene Strömungen aufgreifenden Prozess entwickelt und durchgesetzt.

Wo wären wir heute, wenn es diese Ideale nicht gäbe? Wo wären wir, wenn es nicht Menschen gäbe, die in Wort und Tat dafür eintreten? Mitmenschlich zu handeln, die Menschenwürde zu wahren, das sind Kernpunkte jeder Zivilisation. Sich dafür einzusetzen, das ist eine Aufgabe, die sich immer wieder neu und immer wieder anders stellt. Die Euthanasie im Dritten Reich ist zum Synonym für millionenfachen Mord geworden, für eine bis ins letzte durchgeplante Vernichtungsmaschinerie, für Unmenschlichkeit schlechthin.

Den nationalsozialistischen Verbrechen fielen behinderte Menschen zum Opfer, weil ihnen das Existenzrecht abgesprochen wurde, weil sie dem Bild einer auf Rassenwahn beruhenden Ideologie nicht entsprachen. Auch hier bei uns in Gremsdorf wurden Behinderte verfolgt und entrechtet. Sie waren Menschen wie du und ich, die sich am öffentlichen Leben beteiligten. Doch dann kam der abrupte Bruch: Sie wurden immer mehr ausgegrenzt, sie wurden bedroht und ermordet. Aus Gremsdorf wurden im Jahr 1941 vom 18. bis 26. Februar nach Erlangen und Kutzenberg, am 12. Juni nach Lohr am Main, am 30. Juni nach Erlangen und am 1. Juli – auf den Tag genau heute vor 66 Jahren – nachweisbar 320 Bewohner deportiert, um Tags darauf weiter in Kliniken oder Vernichtungslager gebracht und ermordet oder oft monatelang bis zu ihrem Tod Gegenstand medizinischer Versuche zu werden.

Die tatsächliche Anzahl ermordeter Bewohner dürfte sogar noch um einiges höher liegen. Die Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, hatten unermessliches Leid zu ertragen. Ihnen, die in Konzentrationslager deportiert wurden, wurde unvorstellbares Grauen zugemutet.

Man mag es nicht glauben, was Menschen Menschen antun können. Es ist schwer, sich diesen Bildern, sich diesem Teil unserer Geschichte zu stellen. Doch wer „vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“, wie der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker einmal feststellte. Und ein weiterer Alt-Bundespräsident, Roman Herzog, sagte bei einer Gedenkfeier im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen einmal: „Unsere Verantwortung ist es, nie mehr zuzulassen, dass Menschsein abhängig gemacht wird von Rasse oder Herkunft, von Überzeugung oder Glauben, von Gesundheit oder Leistungsfähigkeit.“

Jeder Mensch ist wertvoll, lautet die Schlussfolgerung daraus, jeder hat ein Recht auf Leben und auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Gedenken heißt, aus der Erinnerung Verantwortung abzuleiten und zu übernehmen. Und wer sich mit der Vergangenheit beschäftigt, lernt auch, die Anfänge zu erkennen, denen es zu wehren gilt – auch bei uns in Gremsdorf.  Es darf nicht sein, dass aus Ignoranz und reinem Profitstreben heraus den NS - Nachfolgeorganisationen ein Ort geboten wird, von dem aus sie ihre unsäglichen Ideen und Vorstellungen wieder unter das Volk bringen dürfen, es darf auch nicht sein, dass Musikgruppen der neonazistischen Szene hier in diesem Ort ihr Liedgut verbreiten dürfen, welches – wie an Beispielen im Internet nachzulesen – Verbrechen leugnend, Holocaust verneinend und Gewalt verherrlichend ist.

Und das alles direkt vor den Toren dieser wunderbaren Einrichtung der Barmherzigen Brüder, in der in vorbildlicher Weise Menschen mit Behinderungen betreut werden. Geschichte wiederholt sich nicht, aber alte Probleme können in neuem Gewand wieder auftauchen. Von daher hat es seine Berechtigung, sich auch im 21. Jahrhundert an die Zivilisationsbrüche des 20. Jahrhunderts zu erinnern. Wer sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus befasst, wird damit konfrontiert, wohin es führen kann, erkennbar unselige politische Entwicklungen zu ignorieren, sie schweigend zu dulden. Er lernt daraus auch, wie wichtig es ist, die Anfänge zu erkennen, jene Anfänge, denen es zu wehren gilt. Der heutige Gedenktag ist ein Tag, an dem wir um die vielen Opfer des Nationalsozialismus trauern, besonders um die Euthanasie-Opfer aus dieser Einrichtung. Wir trauern um das, was in unserem Land, in unserer Gemeinde geschehen konnte. Damit legen wir uns an diesem Tag aber auch die Verpflichtung auf, dem Nazi-Ungeist zu wehren und an der Gestaltung einer menschenwürdigen Gegenwart und Zukunft mitzuwirken.

 

Quelle: gpi

 

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