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60
Jahre Befreiung von den Nazis
Am
Sonntag, dem 8. Mai 2005 gedenkt das Würzburger Friedensbündnis der 55
Millionen Opfer des Zweiten Weltkriegs und dankt allen, die ihr Leben zur
Befreiung Europas vom deutschen Faschismus eingesetzt haben. Das Linke Bündnis
Hassberge ruft ebenso zum Gedenken auf. Das Friedensbündnis trifft sich zu
diesem Zweck ab 11 Uhr an der Plakette, die am ehemaligen Haus des Würzburger
Friedenskämpfers Professor Rauhut in der Sonnenstraße
4/Stadtteil Sanderau für ihn angebracht wurde. Unterstützer sind ATTAC Würzburg,
Erwerbsloseninitiative Würzburg, PDS-Kreisverband Würzburg und
VVN-BdA-Kreisverband Würzburg.
Zum Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus werden am 8. Mai 2005 eine
Erklärung des Würzburger Friedensbündnis sowie weitere Texte zu Krieg und
Faschismus verlesen. Die Opfer verpflichten zum Einsatz für Frieden, Demokratie
sowie politische und soziale Menschenrechte. Keiner darf zulassen, dass erneut
Menschen verachtet, entwürdigt, missbraucht und vernichtet werden. Um diese
Erinnerung zu bewahren, wird am 19. Juni 2005 um 15 Uhr die vom Friedensbündnis
initiierte Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus an der Gartenmauer
Ingolstadter Hof/Domerpfarrgasse angebracht.
Zum
60. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945 müssen wir der 55 Millionen Opfer
des Zweiten Weltkriegs gedenken. Das Würzburger Friedensbündnis dankt allen,
die ihr Leben zur Befreiung Europas vom deutschen Faschismus eingesetzt haben.
Die Opfer verpflichten uns zum Einsatz für Frieden, Demokratie sowie politische
und soziale Menschenrechte. Wir dürfen nicht zulassen, dass erneut Menschen
verachtet, entwürdigt, missbraucht und vernichtet werden.
Wir stehen zwei gegensätzlichen Entwicklungen gegenüber: Einerseits ist der 8.
Mai heute als Tag der Befreiung von der menschenverachtenden Herrschaft des
Nationalsozialismus anerkannt. Der Bundestag beschloss eine materielle Entschädigung
der Zwangsarbeiter. Bedauerlicherweise erhielten nur manche Gruppen von
Zwangsarbeitern eine Entschädigung, und dies auch nur unter immensem Druck. Für
viele ehemalige Zwangsarbeiter kam die Regelung ohnehin zu spät. Zugleich
gelingt es in vielen Orten, endlich der Opfer des Nationalsozialismus zu
gedenken. In Würzburg zum Beispiel wird am 19. Juni 2005 die vom Friedensbündnis
initiierte Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus an die Öffentlichkeit
übergeben.
Sozialabbau
und Geschichtsrevisionismus stärken die Nazis
Andererseits aber regen sich Ewiggestrige. Die neofaschistische NPD holte
mit einer Anti-Hartz IV-Kampagne in Sachsen über 9 Prozent der Wählerstimmen,
bei Jungwählern sogar rund 20 Prozent. Mitverantwortlich für diese gefährliche
Entwicklung ist die Politik von Sozialabbau und Lohndumping. Die
Hartz-IV-Parteien im Bundestag rauben damit vielen Menschen ihre Zukunfts- und
Lebensperspektive. Dies nutzen Neonazis mit demagogischen Kampagnen schamlos
aus. Manche Historiker ziehen eine Parallele von der aktuellen Politik zum Ende
der Weimarer Republik, als Kanzler Brünings Sozialabbau-Politik den Aufstieg
der Nazis begünstigte. Nur durch die finanzielle Unterstützung von Konzernen
und Banken sowie durch den Rückhalt in wesentlichen Teilen der bürgerlichen
Eliten konnte die NSDAP die Macht erringen.
Wasser auf die Mühlen der Rechtsradikalen leitet aber auch manche
gesellschaftliche Debatte über die Zeit des Nationalsozialismus. Die deutschen
Opfer des Krieges und die Kriegsfolgen für Deutschland werden immer stärker
betont. Hiervon zeugen Günter Grass' Buch über den Untergang der Gustloff,
Martin Walsers Vorwurf der "Auschwitzkeule", einseitige Darstellungen
der alliierten Bombardierung deutscher Städte und revisionistische Filme wie
"Der Untergang". Die Deutschen werden zunehmend als Nation von Opfern
dargestellt.
Zur Gefahr wird diese Erinnerung, wo sie als Entlastung des faschistischen
Deutschland missbraucht wird. Insbesondere neue und alte Nazis versuchen in jüngster
Zeit, die deutsche Schuld an nationalsozialistischem Terror, Krieg und
Vernichtungspolitik zu verharmlosen. Diesen Tendenzen stellen wir uns
entschieden entgegen.
Widerstand
als positive Identifikation
Umgekehrt versuchen einige Gruppierungen, den Geschichtslügen der Neonazis
durch die Behauptung einer deutschen Kollektivschuld zu begegnen. Wir lehnen
dies ab. Die Kollektivschuldthese ist nicht nur historisch falsch, sie wirkt
auch pädagogisch verheerend. Weder eine pauschale Verdammung aller Deutschen
noch eine Dämonisierung der Täter - was bei manchen Jugendlichen Faszination
statt Abscheu hervorrufen kann - wird der Geschichte gerecht. Es gilt jungen
Menschen deutlich zu machen, dass nachfolgende Generationen frei sind von der
Schuld, die viele Deutsche zwischen 1933 und 1945 auf sich geladen haben. Sie
haben jedoch eine Verantwortung, dass ähnliches nie wieder
geschieht.
Mehr als bisher muss die Erinnerung an alle Formen des Widerstands gepflegt
werden. Positive Identifikationsfiguren im Widerstand gegen den
Nationalsozialismus herauszustellen ist das beste Mittel, um heutigen Tendenzen
von Sozialdarwinismus, Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus
entgegenzuwirken. Vor diesem Hintergrund lehnen wir ein Verschweigen bestimmter
Formen des Widerstands entschieden ab. Die deutsche Arbeiterbewegung wurde
aufgrund ihres Widerstands gegen den Faschismus zum ersten Opfer der Nazis. Auch
wurde der Widerstand bis zuletzt größtenteils von Arbeitern und ihren
Organisationen geleistet. Dies ist beim Gedenken an den deutschen Widerstand
entsprechend zu würdigen.
Ja zu Europa - Nein zu dieser EU-Verfassung!
Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Zerschlagung des
nationalsozialistischen Unrechtsregimes brachten Europa Frieden. Er war begründet
durch die Aussöhnung ehemaliger Kriegsgegner und wurde durch die Bereitschaft
zur wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit der Staaten gefestigt. Aus
diesem Bündnis ist heute eine Europäische Union von 25 Staaten in West- und
Osteuropa geworden.
Wir begrüßen die weitere europäische Einigung und sagen Ja zur Idee einer
Europäischen Verfassung. Bei aller Freude über die teilweisen Fortschritte in
der geplanten Verfassung - so sind z.B. erstmals die politischen Grundrechte des
einzelnen verankert - sind aber auch die negativen Seiten nicht zu übersehen: Für
alle Staaten wird eine Aufrüstungspflicht festgeschrieben, die EU will
weltweite Militäreinsätze durchführen und als Wirtschaftsmodell ist die freie
Marktwirtschaft vorgesehen.
Wir protestieren gegen die Militarisierung der EU und die Durchsetzung eines
puren Kapitalismus ohne soziale Verpflichtungen. Auch bedauern wir die geringen
Fortschritte in Sachen Demokratie und Umweltschutz. Das Europaparlament hat noch
immer keine vollen parlamentarischen Rechte. Und statt der Erneuerbaren Energien
wird in der Verfassung weiterhin die Atomenergie als förderwürdig anerkannt.
Daher lehnen wir - zusammen mit der Friedensbewegung, den
Globalisierungskritikern und vielen Gewerkschaftern - diese Verfassung ab.
Konflikte friedlich lösen - Vereinte Nationen stärken
Die internationale Staatengemeinschaft schloss sich aufgrund der Erfahrungen
des Zweiten Weltkrieges zu den Vereinten Nationen zusammen, um gemeinsam die
Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit zu übernehmen. Auch wenn die
Vereinten Nationen nicht in der Lage waren, die zahlreichen Kriege nach 1945 zu
verhindern und der Verelendung weiter Teile der Weltbevölkerung Einhalt zu
gebieten, schmälert das nicht ihre bleibende Bedeutung für die weltweite Förderung
des Friedens.
Dieser Frieden ist heute, 60 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs, bedroht
durch Armut und Verelendung, wirtschaftliche Vorherrschaft, Kampf um Ressourcen,
Erschütterung gesellschaftlicher und staatlicher Systeme, terroristische Anschläge,
privatisierte Gewaltakte, militärische Interventionen. Die internationale
Gemeinschaft wird sich nur solidarisch
diesen Herausforderungen stellen können. Wir brauchen eine Stärkung des Rechts
statt des immer öfter praktizierten Recht des Stärkeren. Nicht durch
unilaterale Angriffskriege gegen souveräne Staaten, sondern nur durch
friedliche Zusammenarbeit im Rahmen der Vereinten Nationen können Frieden,
Demokratie, politische und soziale Menschenrechte global verwirklicht werden.
Am 60. Jahrestag des 8. Mai 1945 bekennen wir uns zu einer Erinnerung, die sich
der Kriegsschuld des deutschen Nationalsozialismus bewusst ist. Der Schwur von
Buchenwald "Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!" verpflichtet
uns. In diesem Sinne engagieren wir uns für eine Politik, die jede Form von
Rechtsradikalismus bekämpft, die friedlicher Konfliktbearbeitung den Vorrang
vor gewaltsamer Intervention gibt, die wirtschaftlicher und sozialer Ausbeutung
entgegentritt und Solidarität mit den Verfolgten und Unterdrückten
praktiziert.
Quelle:
Würzburger Friedensbündnis
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