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Big-Business mit den Arbeitsplatzvernichtern bei IBM

 

Die von IBM angekündigten Personalabbauzahlen vom 4. Mai (in Deutschland könnten dadurch insgesamt 2.500 Stellen betroffen sein) haben zusammen mit einer am selben Tag verkündeten Entscheidung einer „Einigungsstelle“ zu den Verhandlungen um einen Interessenausgleich dazu geführt, dass die IG Metall die Situation um die Zukunft des Standortes der IBM in Schweinfurt neu bewerten muss. Die Gewerkschaft hat ihre Mitglieder zur Diskussion dieser neuen Einschätzung deshalb für kommenden Dienstag zu einer Mitgliederversammlung eingeladen.

 

IBM gibt sich offensichtlich nicht mit der geplanten Schließung der beiden Business-Services Standorte Schweinfurt und Hannover zufrieden. Was Anfang März noch aussah wie eine gezielte Restrukturierungsmaßnahme wächst sich nach den jüngsten Verlautbarungen des Konzerns offensichtlich zu einem radikalen Umbau des Konzerns aus. Ohne jegliche Rücksichtnahme stehen mehr und mehr Arbeitsplätze für hochqualifizierte Beschäftigte auf der Schleuder. Nachdem bereits die Pläne zur Schließung der Standorte Hannover und Schweinfurt bei den dort Beschäftigten - neben der persönlichen Betroffenheit bezüglich des drohenden Verlustes des Arbeitsplatzes - für inhaltliches Erstaunen sorgten, sind die neuesten Planungen für Insider noch weniger nachvollziehbar. Mit dem Rückzug aus vielen Bereichen ginge nach Ansicht von Roland Strauß, dem Betriebsratsvorsitzenden der IBM Lokation Schweinfurt, ein wesentliches Qualitätsmerkmal von IBM verloren. „Unsere Kunden schätzen am meisten die persönliche Nähe unserer Dienstleistung. Viele Kontakte bestehen schon über einen sehr langen Zeitraum. Man kennt und vertraut sich. Da steckt sehr viel Psychologie drin. Ein typischer mittelständischer Kunde will bei einem Problem nicht auf Sprachbarrieren treffen und der will auch nicht das Gefühl haben, in irgendein anonymes Service-Center weitergeleitet zu werden“, so Strauß. Danach sieht es jetzt aber aus. IBM verlässt offensichtlich bewährte Strukturen mit dem Risiko, für eine möglicherweise kurzfristige Gewinnsteigerung langfristig wichtige Marktanteile zu verlieren.

 

Die neuen Ankündigungen von IBM, in einer noch dramatischeren Größenordnung Personal an deutschen Standorten abbauen zu wollen, hat bei den Beschäftigten in Schweinfurt, die sich bisher weigerten einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben, neues Nachdenken ausgelöst. Im Rahmen der letzten Betriebsversammlung am 4. Mai hat die IG Metall über die verbleibenden Handlungsoptionen im Zusammenhang mit der von IBM beabsichtigten Schließung des BS Bereiches am Standort Schweinfurt informiert. Während dieser Veranstaltung wurden die Anwesenden auch über den - bis dato bekannten - Verlauf des in der vorangegangenen Nacht erreichten Spruchs einer Einigungsstelle zur Erreichung eines Interessenausgleichs informiert. Hinsichtlich weiterer möglicher „Gegenwehr-Modelle“ hat Peter Kippes für die IG Metall deutlich gemacht, dass die Möglichkeiten, die das Betriebsverfassungsgesetz in solchen Fällen (angedrohte Betriebsschließung) anbietet, mit dem Spruch der Einigungsstelle erschöpft sind. Letzte Chance zur Verbesserung der Situation der Beschäftigten sei jetzt noch die Durchsetzung eines sogenannten „Sozialtarifvertrages“. Zu diesem Zweck hätten die IG Metall Mitglieder bereits eine „Tarifkommission“ gebildet. Eine solche Kommission sei notwendig, um im Falle von Tarifverhandlungen die Interessen der Beschäftigten auch möglichst unmittelbar mit einbeziehen zu können. Kippes erläuterte dann auch ein mögliches Forderungspaket, welches die Tarifkommission bereits geschnürt habe.

 

Weiterhin wurde der mögliche Ablauf von Tarifverhandlungen bei IBM geschildert. Für die konkrete Situation sei vor allem wichtig, dass die IG Metall bei IBM in Schweinfurt sehr schnell handlungsfähig sei - also Arbeitskampfmaßnahmen zur Durchsetzung ihrer Interessen einsetzen könne. Neben den neuerlichen Abbauplänen von IBM sei aber auch die Entscheidung der Einigungsstelle ein Punkt, der zu neuen Überlegungen hinsichtlich des Starts einer Tarifauseinandersetzung geführt habe. Die lokalen Betriebsräte hatten zunächst selbst mit der Arbeitgeberseite über den Abschluss eines Interessenausgleichs verhandelt. In einem „Interessenausgleich“ geht es um das „Ob“, „Wann“ und „Wie“ der vom Unternehmer geplanten Betriebsänderung (in diesem Fall um die geplante Betriebsschließung). Der Unternehmer bringt in die Verhandlungen sein „Interesse“ ein (Entlassungen); der Betriebsrat legt demgegenüber dem Unternehmen ein Konzept vor, in dem die „Interessen“ der Beschäftigten formuliert sind (z.B.: Kurzarbeit statt Entlassungen, Altersteilzeit, usw.). Die grundsätzliche Entscheidung des Arbeitgebers (in diesem Fall den Abbau von Arbeitsplätzen) steht da aber nicht mehr zur Disposition.

 

Nach den ersten - ergebnislosen - Verhandlungen wurde das Mandat dann aber zum Gesamtbetriebsrat delegiert. Die Beteiligten erhofften sich von diesem Schritt eine höhere Erfolgsaussicht. Mehr überbetriebliche Solidarität anderer Standorte, flexiblere Möglichkeiten bei der Frage von Ersatzarbeitsplätzen, ein höheres Druckpotential waren einige der Hoffnungen, die mit der Weitergabe des Verhandlungsauftrages an den GBR (Gesamtbetriebsrat) verbunden waren. IBM ließ aber auch bei dessen Verhandlungen keine Kompromissbereitschaft erkennen und erklärte die Gespräche im Gegenteil schon nach wenigen Treffen für „gescheitert“. Das Gesetz sieht in einem solchen Fall als letzte Möglichkeit doch noch zu einem Ergebnis zu kommen, die Einrichtung einer sogenannten „Einigungsstelle“ vor. Dort sitzen im Prinzip die gleichen Verhandlungspartner unter Hinzuziehung eines gemeinsam akzeptierten „unabhängigen“ Vorsitzenden zusammen und sind dann gezwungen dessen Entscheidung zu akzeptieren.

 

Für Erstaunen sorgte dann aber doch das rasch gefundene Ergebnis der Einigungsstelle.Peter Kippes von der IG Metall bemerkte dazu: „Niemand, der je mit einer Einigungsstelle zu solch einem komplizierten Gegenstand zu tun hatte, hätte im Vorfeld damit gerechnet, dass innerhalb nur einer einzigen Sitzung ein Ergebnis auf dem Tisch liegen würde. Noch dazu ein Ergebnis, das die Situation der Beschäftigten eher verschlechtert als verbessert hat. Dass den Schweinfurtern aber in dieser „Aktion“ auch noch ein Sozialplan aufs Auge gedrückt wurde ist harmlos ausgedrückt „mehr als bedauernswert“. Das Schweinfurter Betriebsratsgremium und somit auch alle Beschäftigten in Schweinfurt wurden entgegen vorher getroffener Abmachungen letztendlich nicht in den Entscheidungsprozess eingebunden. Die Gesamtsituation hat sich aus unserer Sicht unnötig verschlechtert und verkompliziert“.

 

Mit dem Element des Einigungsstellenergebnisses „die Erklärungsfrist für die Aufhebungsverträge“ nochmals jetzt bis zum 27. Mai zu verlängern seien diejenigen, die sich bisher weigerten einen solchen (Aufhebungsvertrag) zu unterschreiben, in erneute Konflikte über ihre individuelle Zukunft gestürzt. Diese Konflikte würden natürlich noch durch die im jetzt auch vorliegenden Sozialplan und der darin enthaltenen Berechnungsgrundlage für eine Abfindung bei einer betriebsbedingten Kündigung immens verstärkt. Die erneute Verlängerung der Erklärungsfrist für die Aufhebungsverträge und die Bekanntgabe weiterer Abbaupläne der IBM hätten nach Einschätzung von Kippes bei vielen unter denen, die bisher standhaft geblieben seien, neue Unsicherheit geschürt.

 

Anders als noch zu Beginn der oben angesprochenen Betriebsversammlung hat er derzeit Zweifel, ob „die Truppe homogen genug und entschlossen ist“, gemeinsam gegen die erklärten Absichten des Arbeitsgebers vorzugehen. Das sei verständlich, schränke aber die gewerkschaftspolitischen Handlungsmöglichkeiten ein. Die IG Metall hält es deshalb bis zum Ablauf der neuerlichen Erklärungsfrist nicht für angezeigt, den Arbeitgeber zu Verhandlungen aufzufordern. Die Tarifkommission der IG Metall bei IBM hat deshalb beschlossen, erst nach dieser Frist über ein weiteres Vorgehen zu entscheiden. Für Peter Kippes von der IG Metall haben sich die Beschäftigten von IBM in Schweinfurt bisher in einer Art und Weise um ihre Interessen gekümmert, die ihnen vor der Auseinandersetzung kaum jemand zugetraut habe. Dieser Einsatz habe sich in jedem Fall auch gelohnt. Bedauerlich findet Kippes, dass sich eine ganze Reihe von Politikern zwar am Anfang der Auseinandersetzung solidarisch gezeigt habe - bei einigen sei es dabei aber auch dabei geblieben. Vor allem die jetzt anstehende Entscheidung des Verteidigungsministeriums, die gesamte Datenverarbeitung zukünftig von eben dieser IBM, die jetzt massenhaft Arbeitsplätze in Deutschland vernichtet, betreuen zu lassen, ist für die IG Metall komplett nicht nachvollziehbar. Kippes: „Da wurde uns versprochen, die Verantwortlichen im Wirtschaftsministerium in Berlin werden sich für den Erhalt der Arbeitsplätze in Schweinfurt einsetzen und jetzt machen die gleichen Herren „Big-Business“ mit den Arbeitsplatzvernichtern“. Worte und Taten stimmten da offensichtlich in keiner Weise überein. „Was soll da anderes herauskommen als Politikverdrossenheit“, fragt sich Kippes. 

 

Quelle: IG-Metall Schweinfurt

 

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