|
Handwerker
planlos: Azubis verdienen zu viel!
Auf
einen offenen Brief der DGB Kreisvorsitzenden hat Landrat Rudolf Handwerker
postwendend reagiert. Er behauptet darin, die Gewerkschaften seien für die
derzeitige Ausbildungsmisere verantwortlich. Mit keinem Wort geht Handwerker auf
die Schulabgänger im Landkreis ein, die seit Jahren ohne Ausbildung da stehen,
oder in diesem Jahr noch immer keine Lehrstelle gefunden haben. Kein Wort über
die unzähligen Jugendlichen im Haßbergkreis, die vom feinen Mittelstand von
einem Praktikum ins nächste gehetzt und dort hingehalten werden um dann doch
keine Lehrstelle zu bekommen. Handwerker hat vom Thema Ausbildung und den Sorgen
der Eltern, deren Kinder keine Ausbildungsplätze haben, keine Ahnung. Die DGB
Kreisvorsitzende behandelt er, als sei sie ein dummes Merkel. Dass Azubis heute Hunderte
von Kilometern pendeln müssen und daher ordentliche Ausbildungsvergütungen als
Existenzsicherung benötigen, kennt ein Provinzlandrat scheinbar nicht. Aus
Solidarität mit den Jugendlichen, die keine Lehrstelle haben, sollen
Handwerkers Meinung nach Azubis auf Geld verzichten. Da schlagen wir vor: So ein
Landratsgehalt ist doch auch nicht so schlecht, da lässt sich doch leicht noch
ein Lehrling mitfinanzieren, oder?
Liebe
Frau Schmidt, Sie haben da etwas falsch verstanden. Ich will es Ihnen gerne erklären.
Die
„Jugendkonferenz“ ist keine Privatveranstaltung von mir oder dem Landratsamt
gewesen. Zu „Jugendkonferenzen“ lädt flächendeckend in Deutschland auf die
Anregung des Bundeswirtschaftsministeriums die örtliche Agentur für Arbeit
ein. In unserem Fall hat die Agentur für Arbeit mit Sitz in Schweinfurt den
Teilnehmerkreis ausgesucht und eingeladen. Selbstverständlich habe ich diese
Einladung aufgrund unserer langjährigen Zusammenarbeit in verschiedenen
Bereichen mitgetragen.
Bei
der Jugendkonferenz im Landkreis Haßberge, für die ich von den Räumlichkeiten
her Gastgeber war, trafen sich die örtlichen Akteure am Ausbildungsmarkt. Das
sind diejenigen Institutionen, die direkt oder indirekt entweder Lehrstellen zur
Verfügung stellen oder die Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen organisieren.
Wahrscheinlich wurden keine Gewerkschaftsvertreter eingeladen, weil die
Gewerkschaften im Landkreis weder ausbilden noch Schulungs- und
Berufsvorbereitungsmaßnahmen organisieren.
Es
war nach einleitenden Statements ein lokal ausgerichtetes und streng sach- und
ergebnisorientiertes Treffen. Sicher wird Ihnen auf Wunsch gerne ein Protokoll
zur Verfügung gestellt. Eine Diskussion über
bundespolitische Themen, wie Sie sie in ihrem Leserbrief anschneiden,
beispielsweise die Festlegung der Ausbildungsberufe und Ausbildungsinhalte oder
gar die von den Gewerkschaften so stark propagierte Ausbildungsplatzabgabe, wäre
da völlig fehl am Platz gewesen. Falls Sie das anders sehen, so richten sie
Ihre Beschwerde zuständigkeitshalber bitte an die Agentur für Arbeit.
Da
Sie mich persönlich ansprechen, sage ich Ihnen und besonders den jungen
Zeitungslesern und Eltern aber auch gerne meine persönliche Meinung. Die
Gewerkschaften haben die gegenwärtige Ausbildungsmisere weitgehend
mitverschuldet. Sie haben gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium und den
Arbeitgeberverbänden die Berufsbilder definiert und die Ausbildungsinhalte
festgelegt. Das hat zum Beispiel zur Atomisierung der Berufsbilder und im
Ergebnis zwangsläufig dazu geführt, dass die Berufsschüler immer weiter
fahren müssen, weil die Berufsschulsprengel in Kompetenzzentren zusammengefasst
werden müssen.
Die
Gewerkschaften haben Ausbildungstarife ausgehandelt, die es wegen der Höhe der
Ausbildungsvergütung und der Verpflichtung zur Weiterbeschäftigung vielen
Betrieben unmöglich machen, mehr als für den eigenen Bedarf auszubilden. Wir
haben heute die Situation, dass eine Verkäuferin im Einzelhandel, ein
Erntehelfer oder eine Reinigungskraft weniger in der Lohntüte hat als ein
tariflich gut vergüteter „Azubi“. Und die meisten Lehrlinge wohnen relativ
preiswert bei ihren Eltern, im Gegensatz zu Verkäuferin und Putzfrau.
Beispielsweise
sieht der bayerische Metalltarif zurzeit je nach Lehrjahr Ausbildungsvergütungen
von 696 bis 821 Euro vor, obwohl die „Azubis“ nur bedingt in der Produktion
eingesetzt werden. Das ist einfach zu viel. Die Gewerkschaften und die Betriebsräte
könnten zur Besserung des Ausbildungsmarktes sehr viel beitragen, indem sie den
Betrieben ermöglichen würden, das für die Ausbildung zur Verfügung stehende
Geld auf mehr „Azubis“ zu verteilen. Das wäre wahre Solidarität unter den
Jugendlichen, und ich bin sicher, dass die meisten Schulabgänger dazu auch
bereit wären.
Tatsächlich
aber verfolgt die Gewerkschaft politisch die Einführung der Ausbildungsabgabe.
Das aber wäre nun wirklich weitgehend das Ende des dualen Ausbildungssystems,
das Deutschland im internationalen Wettbewerb derzeit immer noch einen kleinen
Vorsprung sichert. Selbst ein Betrieb wie FTE, der ständig 70 bis 80
Auszubildende hat, der viel in seine Lehrwerkstatt investiert hat und der sich
vorbildlich um seine „Azubis“ kümmert, müsste dann noch ein paar
hunderttausend Euro pro Jahr zusätzlich drauflegen. Die notwendige Folge: Jeder
Betrieb bildet nur noch den selbst benötigten Nachwuchs aus und kauft sich aus
sonstigen (moralischen) Verpflichtungen frei.
Die
übrig gebliebenen Jugendlichen müssten eine minderwertige weil praxisfernere
Vollzeitausbildung in staatlichen Einrichtungen absolvieren, die überhaupt erst
mit erheblichem Kostenaufwand geschaffen werden müssten. Vergessen
Sie auch nicht die zahlreichen kleinen und mittleren Betriebe (besonders im
Handwerk), die aus Auftragsmangel ums Überleben kämpfen und deshalb beim
besten Willen nicht mehr ausbilden können. Für sie würde sich eine zusätzliche
Abgabe verhängnisvoll auswirken.
Landrat Rudolf Handwerker
Am Herrenhof 1
97437 Hassfurt
zurück
|