|
Landrat
Handwerker desinformiert
Lieber
Herr Handwerker, auf Ihre persönliche Meinung betreffs der Ausbildungssituation
bezogen, muss ich leider feststellen dass Sie völlig desinformiert sind. Nicht
der DGB oder die Einzelgewerkschaften haben die Einführung von Kompetenzzentren
gefordert sondern der Bayerische Landtag. In einem Beschluss im April 2001 wurde
direkt vom Kultusministerium der Auftrag zur Neuordnung der Berufsschulen an die
Bezirksregierungen erteilt. Die Zusammenlegung von Berufsschulen bedeutet für
die Gewerkschaften nicht die Förderung der Leistungsfähigkeit der Schüler und
die qualitative Verbesserung der Ausbildung, sondern eher die Umsetzung von
Sparzielen der CSU- Landesregierung. Deshalb bezweifeln die Gewerkschaften die
Sinnhaftigkeit der Reform und fordern bessere Berufsbildungspolitik, die auf
Qualität, statt auf Kostenreduzierung setzt! Im einzelnen bedeutet das: Erhöhte
finanzielle Investitionen in Bildung und Berufsschulen, Beibehaltung der
Berufschulen vor Ort, um eine wohnortnahe Ausbildung zu garantieren, Bilden von
kleineren Berufsschulklassen um Auszubildende gezielter fördern zu können und
Neueinstellungen und Qualifizierung von Berufsschullehrern.
Sollte
ein Betrieb über Bedarf ausbilden, so muss vor Beginn der Ausbildung dem
Jugendlichen dies mitgeteilt werden. Dann hat er auch keine Übernahmegarantie.
Leider versuchen viele Betriebe erst am Ende der Ausbildung den Azubis
einzureden, das sie über Bedarf ausgebildet werden, dadurch hat der Arbeitgeber
die Möglichkeit sich die Besten rauszupicken, was jedoch nicht rechtens ist.
Somit wird ihre Aussage unglaubwürdig, das Ausbildungsbetriebe nicht über
Bedarf ausbilden, nur weil sie dann die Azubis übernehmen müssen.
Zu
Ihrer Behauptung Auszubildende würden zu viel verdienen muss gesagt werden,
dass leider nicht alle Ausbildungsvergütungen auf dem Niveau der Metall und
Elektroindustrie liegen oder darüber wie bei Bankkaufleuten oder Buchbindern.
So liegt die Monatliche Ausbildungsvergütung für den Augenoptiker/in bei 350.-
€ im Schnitt um nur ein Beispiel zu nennen. Bei einer Nettokaltmiete von
4,05€ in Schweinfurt kommt eine 30qm Wohnung auf 120€ Kaltmiete. Dazu kommt
noch die Hausratversicherung, Haftpflichtversicherung, Heizkosten, Strom und die
Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel (50,60€) usw. Dann wird´s
ganz schön eng! Und das Beispiel ist „nur“ Schweinfurt. In München sieht´s
dagegen ganz anders aus. Kaltmiete pro qm 10 € (30qm 300 €) und die
Monatskarte für München von 37.- € bis 152.- € sprengen allein schon fast
den Rahmen. Gerade auf dem flachen Lande gibt es immer weniger Lehrstellen, also
bleibt den Auszubildenden gar nichts anderes übrig als ein eigenständiges
Leben zu führen, weg von den Eltern, hinein in die Städte. Die Ausbildungsvergütung
muss dann zum selbständigen Leben ausreichen.
Sie
behaupten ferner das Auszubildende kaum in der Produktion eingesetzt werden,
dazu sollten Sie sich die Frage stellen, wie Azubis Berufserfahrung sammeln können,
ohne in der Produktion eingesetzt zu werden. Wenn man alle Aufgaben, die in den
einzelnen Ausbildungsrahmenplänen aufgeführt sind nur in der Lehrwerkstatt ausüben
müsste, dann hätte man ein kleines Unternehmen im Unternehmen. In der Regel
verbringen die Azubis das 1. Ausbildungsjahr in der Lehrwerkstatt um die
Grundkenntnisse zu erlangen. Danach sind sie meistens in der Produktion beschäftigt
um Erfahrungen zu sammeln. Im letzten Lehrjahr werden sie meist in der Abteilung
angelernt, in der sie nach der Ausbildung eingesetzt werden sollen. Somit
produzieren sie spätestens im letzen Lehrjahr für den Betrieb. Bei
Arzthelferinnen sieht es ganz anders aus. Ich habe noch nie von einem Arzt gehört,
der sich eine Lehrwerkstatt leisten konnte. In diesem Fall sind die
Auszubildenden direkt in der „Produktion“ und das von Anfang an!
Wie
viel sie letztendlich produzieren, liegt immer auch an der Qualität der
Ausbildung. Das KWB (Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung) hat
in dem Flyer „Warum sich Ausbildung für Betriebe lohnt…“ veröffentlicht:,
dass Auszubildende nach der Ausbildung im Beruf einsetzbar sein sollen. Deshalb
müssen sie durch Lernen am Arbeitsplatz Berufserfahrung erwerben. Dabei sind
Auszubildende auch produktiv tätig. Dies bringt durchschnittlich je
Auszubildenden 7730 Euro je Auszubildenden und Jahr. Den betrieblichen Kosten
der Berufsausbildung stehen beträchtliche Erträge gegenüber. Die Nettokosten
der Ausbildung sind in kleineren Betrieben erheblich niedriger als in Großbetrieben.
Der mit der Ausbildung verbundene Nutzen ist für den Betrieb beträchtlich und
überwiegend konkret zu ermitteln. Auszubildende einzustellen ist kostengünstiger,
als ausgebildete Fachkräfte vom Arbeitsmarkt zu beschaffen. Die Gewerkschaften
haben immer für den sozialen Frieden im Land gesorgt, mit maßvollen
Tarifabschlüssen. Gerade in den letzten Jahren war der Reallohnzuwachs unter
den Preissteigerungen. Von einer unmaßvollen Tarifpolitik kann also nicht
gesprochen werden.
Die
Ausbildungsplatzabgabe halten wir nach wie vor für nötig. Viele Betriebe
entziehen sich ganz ihrer Verantwortung den jungen Menschen gegenüber und
stellen keine Ausbildungsplätze zur Verfügung. Der Ausbildungspakt der
Regierung brachte nicht den durchschlagenden Erfolg. Noch immer sind Schulabgänger
ohne Ausbildungsstelle. In den letzten Jahren haben große und mittlere
Unternehmen die Ausbildungszahlen deutlich gesenkt, bzw. bilden überhaupt nicht
aus. Das darf nicht sein. Alle Unternehmen haben eine Verantwortung gegenüber
der Zukunft und dem Land, Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Nur
Jammern über fehlende Fachkräfte reicht hier nicht. Die Höhe der
Ausbildungsquote ist noch zu diskutieren, sie hängt von der Bedarfszahl ab.
Dass hier auch Betriebe, die nicht genügend ausbilden Zahlen müssten, kann
durchaus sein, wenn sonst nicht der Bedarf gedeckt werden kann. Es gibt auch
Branchen in denen ein Umlagesystem für die betriebliche Ausbildung bereits
funktioniert, im Bauhauptgewerbe zum Beispiel. Übrigens auch Gewerkschaften wären
entgegen Ihrer Argumentation nicht ausgeschlossen.
Wir
würden es begrüßen wenn Sie Ihre Informationsquellen, die für Ihre
Meinungsbildung ausschlaggebend sind nicht ausschließlich auf die
Arbeitgeberseite beschränken würden. Die Schuld immer nur den Gewerkschaften
zu geben ist sehr einfach. Auch die Arbeitgeber müssen in die Verantwortung für
die Gesellschaft genommen werden. Da ein Landrat für die ganze Bevölkerung da
sein soll, wünschen wir uns dass Sachverstand und Verantwortungsbewusstsein
gezeigt wird und nicht widerlegbare Polemik verbreitet wird. Sie sollten
bedenken, dass es die Arbeitnehmer waren die Deutschland aufgebaut haben und für
die guten Gewinne der Unternehmen sorgen.
Quelle:
DGB Kreis Hassberge, Sabine Schmidt
zurück
|