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Bamberg eine weitere
Peinlichkeit ersparen!
An der Uni Bamberg fand am
30. April 2009 eine Podiumsdiskussion zu einer möglichen
Stauffenberg-Stiftungsprofessur statt. Während der
Debatte gingen den Professoren Reinhard Zintl und
Christian Illies nach Angaben von Teilnehmern recht
schnell die Argumente zu Claus Schenk Graf
von Stauffenberg aus. Günter Pierdzig, der Vorsitzende
der VVN/BdA in Bamberg war im Auftrag vom SDS Diskutant
am Podium. "Ersparen wir Bamberg diese weitere
Peinlichkeit! Wir sollten eher einen Lehrstuhl Ethik in
der Politik befürworten, der die Ethik des Widerstandes
benennt, aber auch den Widerstand heute sich zum Inhalt
nehmen sollte," sagte der Antifaschist. Nachrichten aus
Hassfurt dokumentiert an dieser Stelle den
Diskussionsbeitrag von Günter Pierdzig:
Zur umstrittenen Person Stauffenberg und 20. Juli ist
bereits zu viel gesagt worden. Da erübrigt sich jeder
weitere Kommentar. Zur Diskussion, warum gerade diese
Diskussion in Bamberg in den letzten zwei oder drei
Jahren aufgemacht wird, gilt es jedoch, ein paar
ergänzende Fakten zu benennen: Stauffenberg leistete
Widerstand zu einem Zeitpunkt, als es den Militärs um
ihren eigenen Kopf und Kragen ging. Er war einer derer,
die in Bamberg bei der Reichswehr ihren Dienst
leisteten. Mit ihm im militärischen Widerstand des 20.
Juli sind aus dem fränkischen Adel in Bamberg weitere 4
Personen zu nennen, nämlich von Leonrod, von Hösslin,
von Marogna-Redwitz und von Thüngen. Von diesen Leuten
spricht im Rahmen des 20. Juli vor allem in Bamberg in
der Regel keiner. Sie gehörten ebenso der Bamberger
Reichswehr an. Diese örtliche Reichswehr aber ist
historisch belastet. Sie unterstützte sehr früh
geschlossen die NSDAP, nämlich bereits 1923 zu dem
Zeitpunkt, als Hitler am 9. November 1923 auf die
Feldherrnhalle in München marschierte. An diesem Abend
nämlich wollte die damalige SA-Gruppe in Bamberg, die
1923 bereits aus mindestens 40 Mann bestand, das
Bamberger Rathaus besetzen. Und diese Bamberger
Reichswehr unter Oberst Zuern sagte den NSDAP-Leuten
vollste Unterstützung bis hin zum Schießbefehl zu. Das
Nichtgelingen des Putsches in München machte jedoch
diesem Plan einen Strich durch die Rechnung. Diese
genannten Militärs waren teilweise überzeugte Mitglieder
der NSDAP bzw. bis zu einem gewissen Zeitpunkt glühende
Eiferer der nationalsozialistischen Ideologie oder
Träumer von deutscher Ehre. (Eine demokratische
Neuordnung hatten sie jedenfalls nicht im Sinn.
Stauffenberg selbst hatte den gesamten Ostfeldzug
weitgehend mitgeplant. Im ersten Jahr des Krieges, nach
dem Überfall auf Polen, schrieb Stauffenberg an seine
Frau Nina in Bamberg folgende Zeilen: „Die Bevölkerung
(in Polen, d.Verf.) ist ein unglaublicher Pöbel, sehr
viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches
sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von
Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut
tun.“)
Bei den Reichstagswahlen Im Juli 1932 und im November 32
waren auf Bamberger Straßen Schriftzüge zu lesen wie
„Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler“ oder „Hitler
bedeutet Krieg“. Diejenigen, die diese Widerstandsworte
auf Straßen und Häuser in Nacht- und Nebelaktionen
schrieben, wurden bereits am 10. März 1933 verhaftet, in
der Sprache der Nazis hieß das: „in Schutzhaft
genommen“. Es waren in Bamberg an diesem Tag insgesamt
17 Personen - und sie kamen ins gerade gegründete KZ
Dachau. 15 Personen davon waren der gesamte
Führungskader der KPD bzw.des KJVD, einer war Trotzkist
und einer SAJ-Mitglied, ( das war Willy Aron). Zum
Widerstand gehörte ebenso die junge Frau vom Stefansberg,
die den täglich vorbeiziehenden Zwangsarbeitern ein
Stück Brot auf eine Fensterbank legte - obwohl sie
wusste, dass es für sie ebenso das KZ bedeuten könnte.
Zum Widerstand gehörten
ebenso die vier Bamberger, die sich 1936 auf den Weg
nach Spanien machten, um dort auf der Seite der
Republikaner gegen den Faschismus mitzukämpfen. Ihr
Vorhaben endete erneut in Dachau mit dem Vermerk RU,
d.h. Rückkehr unerwünscht, wie im Fall des Adam Kaim,
dessen Geburtshaus am Leinritt stand. Hans Fischer hatte
mit zwei seiner Freunde aus der Dompfarrei die Enzyklika
„Mit brennender Sorge“ in Bamberger Briefkästen
eingeworfen. Er wurde im Januar 1940 im KZ Mauthausen
ermordet, weil er dort aus Hunger unberechtigterweise
eine Rübe während der Zwangsarbeit gegessen hatte. Oder
nennen wir noch den Sinto Paul Seeger, der sich
ebenfalls an Demonstrationen gegen Hitler beteiligt
hatte, und dessen Angehörige noch heute im Kreis Bamberg
wohnen. Sein Überlebenswille hatte ihm geholfen, die
Horrorjahre zu überstehen. Über seine eigene Familie
sagt er: „Mir wurde meine Frau nebst 2 Kinder von 3 und
8 Jahren, nebst mein Bruder mit Frau und 6 Kinder, meine
Schwester mit 3 Kinder und sämtliche Verwandtschaft am
2. August 1944 in Auschwitz vergast und verbrannt“. Herr
Seeger konnte Jahre später diesen Termin noch so genau
benennen, da zu diesem Zeitpunkt das so genannte
Zigeunerlager in Auschwitz aufgelöst worden war und
sämtliche dort noch Verbliebenen im Gas ermordet wurden.
Wenn heute bei ritualisierten Gedenkfeiern vom
Widerstand gesprochen wird, werden diese „kleinen Leute“
im Regelfall nicht benannt. Der 20 Juli wird
hochgejubelt und die Weiße Rose, von dem
Hitlerattentäter Georg Elser wird da schon nicht mehr
gesprochen, für den hat es gerade noch auf eine
Briefmarke gelangt. Als Relikt aus der Zeit des Kalten
Krieges wurde und wird dieser wesentlich größere Teil
des Widerstands verschwiegen. Kommunisten oder
Sozialisten oder andere auch Bürgerliche durften und
dürfen da in offiziellen Verlautbarungen keinen Platz
haben. Das wurde von der BRD der DDR als so genannter
„staatlich verordneter Antifaschismus“ diffamierend
überlassen. Geschichte wurde und wird in dieser
Einengung auf den 20. Juli und auf die Weiße Rose
bewusst umgeschrieben, sie wird damit manipuliert. Frau
Nina, Gräfin Nina von Stauffenberg, die ich selbst noch
persönlich bei mindestens einer Sitzung der VVN erleben
durfte, schrieb am 27. Februar 1977 an die VVN ( aus
Anlaß des 30-jährigen Bestehens der VVN in Bamberg)
folgende Zeilen: „Der Widerstand gegen das Hitlerregime
ging quer durch alle Klassen, Stände und Parteien.
Einigen von Ihnen wurde der Widerstand auf Grund ihrer
Parteizugehörigkeit aufgezwungen, oder weil sie dem
Regimeinteresse im Wege waren. Die Juden wurden,
unabhängig von ihrer individuellen Gesinnung, wegen
ihrer Rasse verfolgt. Der Bamberger Willy Lessing hatte
aktiv versucht, die Synagoge zu verteidigen und wurde zu
Tode getrampelt. Wieder andere gingen in den Widerstand
aus Gewissensgründen und Überzeugung, obwohl sie es
`nicht nötig gehabt hätten´. Alle einte damals ein
gemeinsames Ziel, für das sie kämpften und starben. Wir
tun heute diesen Opfern keinen Gefallen, wir setzen
ihren Einsatz herab, wenn wir versuchen, das Gewicht der
verschiedenen Gruppen gegeneinander abzuwägen, bzw. das
eigene herauszustreichen. Zum Ziel ist keine
gekommen….“. Soweit Gräfin Nina.
Es gibt sicher eine ganze Reihe von Gründen, die gerade
in Bamberg die Diskussion um Stauffenberg in den letzten
Jahren hochjubeln lassen, sei es durch Denkmalsetzung
oder Planung eines Museums. Die Gründe hierfür können
u.a. im populistischem Vereinsnutzen liegen oder in den
militaristischen Interessen der 17er Reiter, ins Leben
gerufen durch ungarischen Landadel. Sie versuchen, die
geschichtliche und politische Einengung des Widerstandes
auf den 20. Juli unreflektiert für sich selbst und
zugunsten des Obrigkeitsstaates weiter zutragen. Die
ideologische Diskussion wird dabei unfähigerweise
verschwiegen. Wir sollten eher Im Hinterkopf die Sätze
der Gräfin Nina, also der Ehefrau von Stauffenberg
behalten, die den Widerstand viel umfassender begreift.
Folglich sollten wir nicht weiter von einer
„Stauffenberg-Professur“ sprechen, denn dies wäre in
sich eine Einengung und Verkürzung der Geschichte.
Ersparen wir Bamberg diese weitere Peinlichkeit! Wir
sollten eher einen Lehrstuhl Ethik in der Politik
befürworten, der die „Ethik des Widerstandes“ benennt,
der den breiten Widerstand von damals sammelt und
analysiert, aber auch den Widerstand heute sich zum
Inhalt nehmen sollte. Er könnte die aus dem historischen
Widerstand entstandenen Werte aufnehmen und zu einer
neuen und offeneren Identitätsfindung in unserer
Gesellschaft führen. Und dies gerade in einer Zeit, in
der zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen
Neofaschismus und gegen Rechtsextremisten heute
zunehmend kriminalisiert wird durch die herrschende
Staatsmacht oder als linksextrem oder gewaltbereit
diffamiert wird. Dies gerade in einer Zeit der
zunehmenden Sammlung personenbezogener Daten und
Verstöße gegen den Datenschutz und damit gegen die Würde
und Freiheit von Menschen, in einer Zeit der zunehmenden
Überwachung unter dem Deckmantel der
Terroristenbekämpfung. In einer Zeit, in der das jüngst
vom bayerischen Landtag mehrheitlich beschlossene
Versammlungsgesetz sogar vom Bundesverfassungsgericht in
einer Eilverfügung teilweise als grundgesetzwidrig außer
Kraft gesetzt wird. Die Ersteller dieses bayer.
Versammlungsgesetzes zeigen, wie weit sie sich bereits
in ihrem obrigkeitsstaatlichen Denken vom Grundgesetz
entfernt haben. Gegen diese Entwicklungstendenzen wird
Widerstand wieder zur Pflicht jedes (demokratisch)
denkenden Menschen.
Quelle: nah
Nachrichten aus
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