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Familie Suncak von der Abschiebung bedroht

 

Seit 16 Jahren lebt der Kurde Ihsan Suncak mit Frau Hatice sowie den zwei Kindern Özlem und Kalender in Schweinfurt. Neunmal insgesamt mussten die Suncaks die Prozedur vor Gericht und Bundesamt durchlaufen. Bereits zum zweiten Mal ist die Familie akut von Abschiebung bedroht. Bereits im Jahr 2000 konnte die Ausweisung durch eine breite Solidaritätswelle verhindert werden. Jetzt, nach 16 Jahren, soll die Familie erneut in die Türkei abgeschoben werden. Die Kinder, Kalender, ein Junge im Alter von 21 Jahren und Özlem, ein Mädchen mit 19, sind völlig integriert und können kaum noch Türkisch. Ihre Muttersprache Kurdisch beherrschen sie noch weniger, da diese in der Türkei nach wie vor verboten ist. Hier sind sie zu Hause, haben einen großen Freundeskreis und eine Ausbildung abgeschlossen. Beide hätten sofort einen festen Arbeitsplatz, wenn sie eine Aufenthaltsgenehmigung und damit auch eine Arbeitserlaubnis bekämen. Sie sprechen beide perfekt deutsch und können sich ein Leben in der Türkei gar nicht mehr vorstellen. Dort kennen sie fast niemanden, ihre Zukunft wäre völlig ungesichert. Bis auf die alte Oma leben alle Verwandten in Deutschland bzw. der Schweiz. Sämtliche sechs Geschwister von Herrn Suncak sind als Asylberechtigte anerkannt, das gleiche gilt für die Verwandten seiner Frau. 

 

Ihsan Suncak geriet in seinem Heimatdorf in den 80er Jahren zwischen die Fronten des Krieges von PKK-Guerilla und staatlichen Streitkräften.. Er wurde von den türkischen Sicherheitskräften schwer misshandelt. Seitdem ist er stark traumatisiert und seit längerem in psychotherapeutischer Behandlung. Nur mit Hilfe von starken Medikamenten kann er Ruhe finden. Er fürchtet bei seiner Rückkehr das Schlimmste. Nach Ansicht seiner Ärztin wäre er bei einer Abschiebung stark selbstmordgefährdet. Auch seine Frau ist inzwischen mit den Nerven völlig fertig und weint nur noch. Das Schicksal der Familie Suncak ist typisch für die kurdische Landbevölkerung. Die Menschen wollen sich aus den Konflikten heraushalten, werden aber unweigerlich mit hineingezogen und müssen Position beziehen. So wollten auch die Eheleute Suncak in der Türkei nichts mit Politik zu tun haben, wurden aber schuldlos in die kriegerischen Auseinandersetzungen hineingezogen. Erst in Deutschland engagierten sie sich. Obwohl beide eher ängstlicher Natur sind, gehören sie bei Aktivitäten für Gleichberechtigung und Völkerfreundschaft, gegen Rassismus, Unterdrückung und Krieg zu den Eifrigsten sowohl im Kulturverein Solidarität e.V. wie auch in der BürgerInnenaktion „Solidarität statt Rassismus“, wo sie seit 1994 mitarbeiten.

 

Ihsan Suncak (heute 49 Jahre alt, von Beruf Viehhändler) hatte einige Kilometer von seinem Heimatdorf im Kreis Pazarcik ein Stück Land gepachtet. Dort hatte die Guerilla ohne sein Wissen am Feldrand ein gut getarntes Vorrats- und Waffenlager angelegt, das aber eines Tages von den Sicherheitsbehörden entdeckt wurde. Die Dorfbewohner wurden zu einer „Strafaktion“ im Schulhaus zusammengetrieben. Auch Herr Suncak wurde von seiner Frau getrennt, zusammengeschlagen und -getreten und anschließend in die Kreisstadt Pazarcik geschafft. Dort wurde er weiter misshandelt und erst nach Tagen freigelassen. Neben anderen Verletzungen hat er dabei zwei Zähne verloren. Frau Suncak wollte ihrem Mann im Schulhaus vor weiteren Schlägen und Tritten schützen und warf sich dazwischen. Dabei wurde auch sie niedergeschlagen und verlor ihr ungeborenes Kind. Nach der Strafaktion wurde die Familie immer wieder von den Sicherheitsbehörden schikaniert und unter Druck gesetzt, so dass sie schließlich ihr Heil in der Flucht suchten. Obwohl über ihre Ereignisse sogar in türkischen Zeitungen berichtet worden war und Zeugen sie bestätigten, taten Bundesamt und Verwaltungsgericht das Ganze als abenteuerlich und abwegig ab.

Viele Deutsche kennen die Türkei nur als sonniges, warmes und immer noch relativ billiges Urlaubsland mit warmherzigen, gastfreundlichen Menschen. Sicher, hin und wieder können wir lesen, dass es mit der Menschenrechtslage dort nicht zum Besten bestellt sein soll. Von den tatsächlichen Problemen im Land bekommen jedoch sowohl die Urlauber in ihren Touristenburgen an den Stränden als auch wir hier in Deutschland kaum etwas mit. Gerade jetzt hat sich die Situation wieder verschärft: Nach einer Provokation am 21. März, dem kurdischen Neujahrsfest - dort wurden Kinder von Unbekannten angestiftet, eine türkische Fahne zu verbrennen - ist ein nationalistischer Hass gegen Kurden ausgebrochen. Armee und Parteien, vor allem die faschistische MHP, hetzen die Bevölkerung auf. Es kam zu Übergriffen, kurdische Geschäfte wurden angezündet und geplündert, bis hin zu versuchter Lynchjustiz. Dabei kamen Menschen um oder wurden verletzt. Der Krieg gegen die Guerilla ist wieder aufgeflammt und nimmt täglich zu. Wieder sind die kurdischen Siedlungsgebiete im Südosten der Türkei zu Notstandsgebieten geworden, in denen schwer bewaffnete Armee- u. Polizeisondereinheiten die Bevölkerung ständig kontrollieren und schikanieren. Gleichzeitig fliegt die türkische Armee Giftgaseinsätze gegen die Guerilla und die Zivilbevölkerung in den Grenzgebieten zum Irak, Iran und Syrien.

 

Nach wie vor füllen oppositionelle Kräfte die Gefängnisse oder „verschwinden“ einfach. Politischer Mord und Folter sind an der Tagesordnung. Eine breite Welle des demokratischen Protestes, angeführt von Frauen sowie türkischen und kurdischen Intellektuellen überzieht das Land, doch die Militärs halten die Bewegung brutal nieder. Auch jetzt ist, wie in 2000, Anteilnahme und Unterstützung der Schweinfurter Bürgern gefragt. Und durch den ausführlichen Artikel im Schweinfurter Tagblatt ist auch bereits das Interesse am Schicksal der Familie geweckt worden. Bekannte, Freunde, Schul- u. Arbeitskollegen bekunden ihre Hilfe. Leserbriefe wurden geschrieben, lokale Politikern und bekannte Persönlichkeiten angesprochen, eine Unterschriftensammlung begonnen, die in eine Petition münden soll, die Familie ist für jede Unterstützung dankbar.

Dabei ist die asylrechtliche Situation für Suncaks schwierig. Erst kürzlich wurden sie wieder abgelehnt, doch auch die Stadt Schweinfurt ist gefordert. Sie kann ein Bleiberecht aus humanitären Gründen gewähren, zumal hier ein besonderer Härtefall vorliegt: Die Kinder haben in der Türkei keine Zukunft und der Vater kann dort nachweislich nicht weiter behandelt werden. Der Rechtsanwältin der Familie liegt dafür eine Bestätigung des Deutschen Generalkonsulats in Ankara vor. Sie hat jetzt nochmals Klage eingereicht.

 

Quelle: BürgerInnenaktion Solidarität statt Rassismus

 

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