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IBM:
Die Mächtigen müssen Angst kriegen
Der
von IBM geplante Termin zur angeblichen Betriebsschließung
der Lokation Schweinfurt, der 30. September 2005, rückt
unaufhaltsam näher. Grund für die örtliche IG Metall
und ihre Betriebsräte bei IBM Zwischenbilanz zu ziehen.
Wie weite sind die Pläne gediehen? Was ist mit den gekündigten
Beschäftigten bisher passiert? Wie geht es weiter?
Peter Kippes, der zuständige Mitarbeiter der IG Metall
und Roland Strauß der Betriebsratsvorsitzende, kommen
zu folgenden Einschätzungen:
Da
ist zunächst einmal das Datum 30. September 2005.
Kippes und Strauss sind sich einig, dass am 1. Oktober
2005 „fleißig bei IBM in Schweinfurt weiter gewerkelt
wird“. Im Bereich der Administration, also in den
Bereichen, in denen zum Beispiel die Kundeverträge
betreut und bearbeitet werden, war die Absicht, die Tätigkeiten
von Schweinfurt weg, an andere deutsche IBM Standorte zu
verlagern. Davon ist nach Aussage der jetzt noch mit den
Aufgaben Betrauten, noch nicht viel zu bemerken. Zum
Einen liegt das nach Ansicht von Roland Strauß an der
Belastungssituation von den Beschäftigten, die die
bisherige Arbeit „noch oben drauf“ gepackt bekommen
sollen und zum Anderen an der Individualität der
Aufgaben. „Die Kunden sind eben oft über Jahre mit
den gleichen Leuten in Kontakt gewesen. Da hat sich ein
Vertrauensverhältnis aufgebaut, das man nicht per
Dienstanweisung einfach auf jemanden anderes übertragen
kann“, so Strauss.
Bei
den Arbeiten die nach Ungarn verlagert werden sollen
sieht es zwar auf den ersten Blick anders aus - beim näheren
Hinsehen zeigen sich nach Aussage des IBM Betriebsrates
aber auch hier Schwierigkeiten. „Die Funktionen müssen
jetzt ja zumindest bis zum reibungslosen Laufen in
Ungarn doppelt besetzt sein“ so Strauß. Konkret ruft
ein Kunde mit seinem Problem also beim
„Service-Telefon“ in Erfurt an und von dort wird die
Problematik dann einem Mitarbeiter in Ungarn - oft aber
auch noch in Schweinfurt - zugewiesen. Für die Kunden
heißt das im Falle Ungarn, dass die Auskünfte und
Fragen in englischer Sprache erfolgen und häufig auch,
dass ein Mitarbeiter aus Schweinfurt, dem ungarischen
„Neuling“ die Lösung vor Ort souffliert. „Das
spart der Firma definitiv keine Kosten“ bemerkt Peter
Kippes für die IG Metall. Das sei genau der Zustand,
vor dem die IG Metall gewarnt habe. Ein verlässliches
Prinzip sei aufgegeben worden, bewährte Strukturen in
Schweinfurt würden zerschlagen nur damit sich zu einem
noch nicht vorhersehbaren Zeitpunkt die eh schon hohe
Umsatzrendite für IBM weiter erhöht. Kippes berichtet
von Gesprächen mit „Noch“-Mitarbeitern aus
Schweinfurt, die von großer Unzufriedenheit bei den
Kunden berichten. „Da ist jede Menge Ärger auf dem
Tisch. Lange werden sich das die Kunden auch nicht
gefallen lassen. Das es bis jetzt nur zu vereinzelten Kündigungen
von Verträgen gekommen ist, liegt natürlich an der
Struktur der Aufgabe. Die Betriebe haben sich durch die
Weggabe ihres EDV-Know-Hows auch ein Stück weit in eine
Falle begeben. So ohne weiteres lässt sich der Bereich
halt auch nicht mir nichts dir nichts wieder zurück
holen“ so Kippes. Besonders bitter sei die Erkenntnis,
dass der bisher geleisteten Arbeit der Beschäftigten in
Schweinfurt offensichtlich keine große Bedeutung
beigemessen wird. „Wenn Kunden abspringen, dann wird
das anscheinend als „Kollateralschaden“ in Kauf
genommen“, meint die IG Metall.
Die
Probleme die in Schweinfurt aufgetreten sind, werden
nach Informationen der Gewerkschaft zudem mit
inakzeptablen Methoden bekämpft. Peter Kippes:
„Spirit21 ist der Name eines Unternehmens, das
bisherige Beschäftigten von IBM - nach deren
Entlassung durch IBM - anstellt, zum Teil in die
bisherigen Büros steckt und sie dort die gleichen
Aufgaben machen lässt wie vor ihrer Kündigung. Das
Gleiche passiert jetzt auf Umwegen durch die Firma
Securitas. Die gleichen Mitarbeiter, die gleichen
Aufgaben - nur unter einem anderen Deckmäntelchen“.
Das ist nach Ansicht der IG Metall ein Skandal, den
geltendes Recht aber zulässt. „Erst bei der
Behandlung der Kündigungsschutzklagen vor dem
Arbeitsgericht können wir dieses verwerfliche Verhalten
von IBM entsprechend sanktionieren lassen“, so Kippes.
Betriebsrat, IG Metall und die Mitarbeiter die die
Rechtmäßigkeit ihrer Kündigung vor dem Arbeitsgericht
prüfen lassen gehen in ihrer Einschätzung nämlich
nicht von einer Betriebsschließung aus. Die Weiterführung
der Geschäfte über den September hinaus könnte ein
wichtiges Kriterium in den anstehenden
Arbeitsgerichtsprozessen gegen IBM sein.
Alles
in allem wird es nach Ansicht von Kippes und Strauß
also zum 30. September 2005 nicht die angekündigte
„Betriebsschließung“ der Lokation Schweinfurt
geben. Das zeige sich vor allem auch daran, dass zwar
einem Teil derjenigen, die eine längere Kündigungsfrist
haben, die Freistellung zum 1. Oktober angeboten wurde -
aber eben nur einem Teil. Einer ganzen Reihe von
Mitarbeitern wurde vorsorglich schon verkündet, dass
ihre Dienste auch über den September hinaus noch
gebraucht würden.
Nach
Einschätzung von Kippes und Strauss haben zwischen 50
und 100 Leute bereits einen Anschlussjob oder zumindest
einen in Aussicht. Durch die Bank werde von den Menschen
aber ein hohes Maß an Flexibilität verlangt. „Die
Arbeitsverträge die ich bis jetzt gesehen habe, haben
Einsatzorte von Hamburg bis Stuttgart“, so Kippes.
Auffällig sei, dass es in fast allen Betrieben weder
Tarifvertrag noch Betriebsrat gebe. Das Einkommensniveau
sinke oft um mehr als ein Drittel. „Da ist dann weder
was von Urlaubs- oder Weihnachtsgeld zu erwarten, die
Urlaubsdauer liegt oft im Bereich von 20 Tagen und Überstunden
sind von vorneherein inklusive“, so der Vertreter der
IG Metall. In den Fällen, in denen es sich um Arbeitsplätze
in der Region gehandelt habe, hätten sich die
Bewerberinnen und Bewerber quasi gegenseitig beim
Einkommen unterboten. „Not macht da gefügig“,
beschreibt Peter Kippes diese Situation. Diejenigen, die
sich bei der IG Metall über Arbeitsbedingungen oder
Image eines möglichen neuen Arbeitgebers erkundigten, sähen
jetzt natürlich noch viel deutlicher wie wichtig eine
funktionierende Interessenvertretung bzw. ein
wirkungsvoller Tarifvertrag auch für den Einzelnen für
Vorteile habe.
Insgesamt
beurteilen die beiden Interessenvertreter die aktuelle
Lage im Bezug auf die Schweinfurter IBM Niederlassung
als „ziemlich deprimierend“. Diese Vorgehensweise
der betrieblich Verantwortlichen sei den Menschen nach
Ansicht von Strauß und Kippes doch schon lange nicht
mehr vermittelbar und führe dazu, dass sich Frust und
Ärger breit machten. „Wenn die positive Ertragslage
eines Unternehmens nicht mal mehr als Meßlatte für das
Engagement eines Betriebes an einem bestimmten Standort
ist, werden sich die Menschen immer öfter und immer
lauter fragen, “wozu dieses Wirtschaftssystem
eigentlich taugt“ so die Prognose von Peter Kippes.
Und abschließend: „Möglicherweise wird der
Geduldsfaden der Menschen gerade über das noch erträgliche
Maß hinaus gedehnt“. Von einem Kabarettisten habe er
neulich einmal den Satz gehört „dass die Mächtigen
keinen Respekt mehr vor dem Volk hätten und dieser
(Respekt) möglicherweise erst zurück käme, wenn die Mächtigen
wieder ein bisschen Angst hätten“. Dieser Einschätzung
könne sich Kippes anschließen.
Quelle:
IG-Metall, Schweinfurt
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